17 Monate Mexiko: Erfahrungen, die man ein Leben lang nicht vergisst
Von Lara-Marie Speckmann
Manchmal macht man Erfahrungen, die man ein Leben lang nicht vergisst. Erfahrungen die einen so tief berühren, dass sie in einem selbst Türen öffnen können in die man ohne diese Erfahrung vielleicht nie reingeschaut hätte. Mexiko war so eine Erfahrung für mich.
Es war im Oktober 2005 als ich meine schöne Heimatstadt Münster gegen ein kleines 800 Einwohner Dorf in Zentralmexiko eintauschte. Statt Parklandschaft und hohen Bäumen thronten jetzt kahle Berge und spitzblätterige Stachelbäume rund um mein neues Heim - die Vielfalt und besondere Schönheit der Landschaft rund um Cardonal sollte ich in den nächsten 17 Monaten genauer kennen und schätzen lernen.
Schon im ersten Kontakt mit den verschiedenen Dorfbewohnern der Gemeinde spürte ich die einerseits oft vorsichtige, aber gleichzeitig sehr gastfreundliche und herzliche Art der Menschen.
Meine erste große Auseinandersetzung hatte ich mit dem hohen Stellenwert der Religion in Mexiko und der Art, wie sie gelebt wird . Da ich dieses Land vorerst hauptsächlich aus der katholischen Perspektive kennen lernte waren die ersten Erlebnisse die mich beschäftigten wohl mit einem kleinen religiösen Kulturschock verbunden und warfen in mir viele Fragen auf: Warum ziehen die Leute aus dem Valle del Mezquital zu Prozessionen an Festtagen jeder Heiligenfigur ein anderes Kleidchen an? Warum brauchen die Leute generell so viele Prozessionen, Rosenkränze, Weihrauch und Heiligenbildchen? Wieso wird an Weihnachten eine Nacht lang in den Familien eine Jesuskind-Puppe in den Armen einer ausgewählten Person gewogen und an Allerseelen den Toten Brot und Süßigkeiten auf kleinen Hausaltären dargebracht? Auf den ersten Blick erschien mir dies doch alles ziemlich fremd.
Wenig später aber wurde mein Interesse geweckt, die Hintergründe dieser Volksreligiösität kennen zu lernen. Oft habe ich die beiden Padres vom Centro Social zu Messen in die verschiedenen Dörfer der Gemeinde begleitet. Wenn ein besonderer Anlass gefeiert wurde (Taufe, Hochzeit etc.) traf man beim anschließenden Essen gleich das ganze Dorf wieder. In Mexiko werden immer ausnahmslos alle Dorfbewohner eingeladen und wenn dafür der Mann der Familie ein Jahr lang in den USA arbeiten muss - wenn gefeiert wird, gibt es für alle, soviel sie wollen und es wird an nichts gespart. Diese Freigiebigkeit und auch das stark ausgeprägte Gemeinschaftsdenken, das ich unter den Menschen im Valle del Mezquital, aber auch in anderen Regionen Mexikos kennen gelernt habe, haben bei mir tief prägende Eindrücke hinterlassen. Wenn ich mich jetzt wieder in Deutschland umschaue fällt es mir manchmal wirklich schwer von der gelebten Gemeinschaft, wie ich sie in Mexiko erfahren habe, auf die hier viel stärkere Ich-Bezogenheit umzuschalten – abgesehen davon, dass mir diese Verhältnisse vor meiner Zeit in Mexiko nie so klar vor Augen lagen. Diesen Eintrag weiterelesen »