Influenza – Panik, wo es keine Panik gibt?
Influenza, Schweinegrippe, Menschengrippe, H1N1, mexikanische Grippe … während die einen sich noch über den korrektesten Namen streiten, machen sich die Meisten ganz andere Sorgen.
Donnerstag, 23.April, 23Uhr: Zum ersten Mal wird die mexikanische Öffentlichkeit über die aktuelle Situation in Mexiko informiert. Es heißt, dass am nächsten Tag alle Schulen in Mexiko-Stadt geschlossen bleiben. In meinem Bundesstaat Hidalgo bleibt es erstmal ruhig.
Erst am Sonntag, den 26. wird bekannt gegeben, dass in der nächsten Woche alle Schulen im Land geschlossen bleiben. Auch hier in der Kirche wird überlegt, wie am Besten reagiert werden kann. Das erste Mal fühle auch ich mich ziemlich verunsichert. Vom sprachlichen her verstehe ich alles, aber ich kann die Situation überhaupt nicht einschätzen, auch nicht die Reaktionen der Mexikaner, die selber sehr verunsichert scheinen. Mit allen Menschen, mit denen man zusammen ist, gibt es erstmal ein Thema: Grippewelle. Wer weiß was? Woher kommt sie, was macht sie, wie gefährlich ist sie, wie schnell verbreitet sie sich, wie soll damit umgegangen werden? Richtige Antworten gibt es immer nur durch Gerüchteküchen.
Das ist jetzt alles einen Monat her. Es scheint sich nicht alles geändert zu haben, aber das normale Leben ist fast wieder eingekehrt. Nachdem drei Wochen die Schulen geschlossen hatten, Freibäder, Museen, Geschäfte… und auch alle Aktivitäten der Kirche (einschließlich allen Messen) abgesagt wurden, konnte ich letztes Wochenende endlich wieder mit meiner Arbeit beginnen.
Die Mexikaner reagierten sehr unterschiedlich auf die Situation. Ich konnte merken, dass einige richtig Angst hatten, Todesangst, andere sahen alles sehr locker und gelassen entgegen. Ich verfolgte das ganze Geschehen noch mal zusätzlich über die deutschen Medien und gehörte, dank ihrer Informationen, schließlich eher zu den Leuten, die Respekt haben, aber keine Angst.
Nachdem die Zahl der Infizierten im ganzen Land schon bei über 200 und die Zahl der Toten bei 50 lag und es auch schon 12 Krankheitsfälle in meinem Bundesstaat gab, von der Regierung aber alles wieder zurück genommen und auf sehr wenige zurückgesetzt wurde, wurde ich der ganzen Sache doch sehr skeptisch gegenüber. Auch wenn Fernseher, Radio und Zeitung nur noch über die Grippe redeten, waren es schließlich doch immer die gleichen Informationen. Nach anfänglicher großer Interesse, hatte ich nach 3 Tagen keine Lust mehr auf Nachrichten. So richtig 100%-tig informiert fühlte ich mich nicht. Auch die Mexikaner waren/sind nicht richtig informiert, so ließen sich einige z.B. gegen diese Grippe impfen, mit einem Impfstoff, den es noch nicht gibt.
Die Mexikaner haben auf jeden Fall ihre Art damit um zu gehen: Gerüchte, Gerüchte, Gerüchte. Die Regierung möchte von den anderen Missständen ablenken (Wirtschaftskrise, Korruption, anstehende Wahlen) und hat den Virus einfach nur erfunden. Barack Obama, der einige Zeit vorher im Land war, hat die Grippe hier verbreitet. Die westlichen Länder haben den Virus im Labor erfunden und in Mexiko ausgesetzt, um alle „ärmeren“ Länder aus zu rotten, damit sie mehr für sich haben. Ich habe die verrücktesten Geschichten gehört!
In der ersten Woche war der Dorfplatz von Tasquillo wie leer gefegt. Aber danach ließ die Angst der meisten Mexikaner nach und an einem Samstag war Draußen sogar mehr los, als an einem „normalen“ Wochenende. Alle liefen mit Mundschutz durch die Gegen (welche es jetzt fast nicht mehr zu kaufen gibt und wenn dann kostet er Unmengen) und der sonst sehr übliche Begrüßungshandschlag und das Küsschen auf die Wange blieben aus.
Wie gesagt ist jetzt fast der normale Alltag wieder zurück gekommen.
Vorsichtsmaßnahmen werden trotzdem noch ergriffen, besonders in den Messen. Somit gibt es keinen Austausch des Friedensgrußes und die Hostie wird nicht mehr direkt vom Priester in den Mund „gesteckt“ (wie es hier eigentlich üblich ist), sondern wie in Deutschland in die Hand verteilt. Eigentlich sollte es so sein wie in Deutschland, da die Leute, besonders die älteren, aber nicht wissen, wie man es richtig macht (sie kennen es ja einfach nicht), gibt es für mich immer wieder was zu lachen. Somit habe ich jetzt auch ein sehr amüsantes neues Hobby gefunden: Leute bei der Kommunionausteilung beobachten. Von „Hostie-von-der-Hand-essen-wie-ein-Hund“ über „Dem-Priester-die-Hostie-einfach-aus-der-Hand-reißen“ und „Den-Priester-hilflos-angucken-und-5mal-fragen-welche-Hand-nach-oben-muss“ bis „Mit-der-Hostie-in-der-Hand-sich-und-sein-Kind-bekreuzigen“ ist alles dabei.
Auch wenn ich seit einer Woche immer wieder was höre, gibt es hier in Tasquillo noch keinen einzigen Krankheitsfall. Und auch wenn man die Medien ein bisschen kritisch betrachtet und nicht einfach so schluckt, wie sie präsentiert werden, merkt man, dass alle Panik überflüssig ist und nichts bringt. Mexiko verzeichnet zur Zeit 60 Tote und 3000 Krankheitsfälle. 60 Tode hört sich erstmal viel an und verbreitet Angst. Hinterfragt wurde aber nicht, warum die Menschen wirklich gestorben sind. Letztendlich wirklich von der Grippe, aber oftmals waren sie vorher schon an einer anderen Krankheit erkrankt, sodass ihr Immunsystem sehr geschwächt war. Und wenn man aus den Vorliegenden Zahlen den prozentige Chance ausrechnet, dass man stirbt, wenn man erkrankt ist, liegt sie bei sehr beruhigenden 2%. All diese Informationen verbreitet die mexikanische Regierung und somit die mexikanischen Medien aber nicht.
Und jetzt bleibt die Frage offen: Wie schlimm ist dieser Virus wirklich? Dass es diesen Virus tatsächlich gibt, bleibt nicht außer Frage, aber die Vermutung wird immer lauter, dass alles von der Regierung hoch geschraubt wurde, um von den gegenwärtigen anderen Problemen ab zu lenken.
Lena M.
Posted: June 19th, 2009 under Nachrichten, tasquillo.
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