Rundbrief: Ostern in Cardonal/Valle de Mezquital
Die für mich ganz besondere und unvergessliche Osterwoche begann am Sonntag, dem 5.April – Palmsonntag. Das Wort habe ich auch in Deutschland hier und da mal gehört, aber was das eigentlich wirklich ist, darüber habe ich mir nie wirklich Gedanken gemacht.
(Kurze Info für diejenigen, die es ebenfalls nicht wissen/wussten: Am Palmsonntag hat der Rat der jüdischen Hohenpriester beschlossen, Jesus …. )
Begonnen wurde der Palmsonntag in Cardonal mit einer Messe vor dem Centro Social, zu der die gesamte Gemeinde eingeladen war. Nach mexikanischer Art füllte sich der Platz dann langsam mit Pilgern aus vielen verschiedenen Dörfern, die per Kombi, Auto, Fahrrad oder zu Fuß ihre Palmen mitgebracht haben, um sie segnen zu lassen.
Danach ging es weiter in die Kirche. Alle Heiligenbilder waren mit lila Tüchern bedeckt und der gesamte Altar war bis zur Decke von einem lila Vorhang verdeckt. Nach der Messe wurde die Szene mit Jesus und den Hohenpriestern nachgespielt. Mir gefällt die Idee, dass die Lektüre den Leuten (und mir) näher gebracht wird und es war schon ein kleiner Vorgeschmack auf die kommenden Ostertage.
Dienstag und Mittwoch: Pascua Juvenil
Wie jedes Jahr wurde auch dieses Jahr für alle Jugendlichen die „pascua juvenil“ angeboten. Das ist so was wie eine Ostervorbereitung – aber eben speziell auf Jugendliche zugeschnitten. Thematisch werden Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersamstag/Sonntag bearbeitet – mit Präsentationen, Gebeten und Meditation, kleinen
Theateraufführungen, Filme und Musikvideos, Fußwaschung, Kreuzgang und Gruppengesprächen.
An beiden Tagen haben bis zu 100 Jugendliche aus verschiedenen Dörfern teilgenommen. Die meisten von ihnen bereiten sich auf die Firmung vor, andere sind auch einfach aus Interesse dazu gestoßen.
Zu jedem Tag wurde zuerst eine kurze Einleitung vorgelesen oder vorgetragen, was das Besondere an diesem Tag ist.
Danach gab es eine kleine „Dynamik“, wie eben eine kleine Vorführung und dann hat sich jede Gruppe mit einem von den Leitern des „equipo coordinador“, zu dem ich ja ebenfalls gehöre, damit auseinandergesetzt.
Ich stelle rückblickend fest, dass es eine unglaubliche Herausforderung war, die Diskussionen innerhalb der Gruppe anzustoßen, zu leiten etc., da ich in Deutschland damit ja fast keinerlei Erfahrung gesammelt habe. Außerdem fehlt es den mexikanische Jugendlichen einfach zwischendurch an Motivation oder Beteiligung und dann muss man wirklich vehement Jugendliche ansprechen, nachfragen und zig mal nachstochern, bis dann endlich mal eine Meinung oder Antwort zu hören ist.
Am Dienstag klappte das eigentlich noch relativ gut, denn da hat die Gruppe sich selbst noch etwas motiviert und selbständig geredet. Am Mittwoch habe ich mich fast nur mit einem Mädchen unterhalten, da auf fast jede meiner Fragen von den anderen Mitgliedern nur zwei Antworten zu erwarten waren – „Weiß ich nicht“ und „Nein“. Das dann den ganzen Tag und der Mathias war am Ende etwas entnervt und geschafft. Aber ich hoffe letztendlich, dass sich die Jugendlichen all dem, was wir ihnen angeboten haben, dann doch etwas geöffnet und aufgenommen haben und nicht einfach genauso wieder nach Hause gegangen wie sie angekommen sind.
Ich hoffe, sie sind der Botschaft des Evangeliums etwas näher gekommen und konnten sie am eigenen Leibe erfahren – etwa bei der Fußwaschung oder dem Kreuzgang.
Gründonnerstag:
Am Gründonnerstag hat Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl gefeiert, ihnen die Füße gewaschen und wurde schließlich durch die römischen Truppen gefangen genommen. Zwar hat man das auch schon in Deutschland gewusst und auch jedes Jahr zelebriert, aber der jetzige Gründonnerstag war für mich etwas völlig neues. Um sieben Uhr bin ich ins Gemeindehaus gegangen, um mir das letzte Abendmahl anzuschauen. Jedes Jahr spielen nämlich Männer und Jugendliche aus Cardonal die wichtigsten Ereignisse der Ostergeschichte nach. Danach folgte die Messe, zu deren Ende hin die Fußwaschung zelebriert wurde und man sich nach draußen vor die Kirche begab, um zu sehen, was vor mehr als 2000 Jahren im Garten von Jerusalem passiert ist.
Es war einfach spannend und kann kaum anders beschrieben werden, das alles einmal zu sehen und nicht nur zu hören oder zu lesen. Vor allem, wenn dann die Truppen nachts mit Fackeln anmarschiert kommen und Jesus gefangen nehmen.
In Deutschland gibt es in vielen Gemeinde die Nachtwache, die bis zur Gefangennahme Jesus’ zelebriert wird. In Cardonal fangen die Gebete nach der Inszenierung, also nach der Gefangennahme an. Von 22 – 6 Uhr morgens bereiten verschiedene Gruppe für jeweils eine Stunde Gebete und Gesänge vor.
Karfreitag:
Am Karfreitag nehmen die Leute in vielen Dörfern an (eigenen) Kreuzgängen teil. In einigen Dörfern tragen alle Leute, die mitgehen, das Kreuz für eine kurze Zeit oder bis zur nächsten Station des Kreuzganges, während gesungen und gebetet wird.
In Cardonal ist dann die große Version davon zu sehen und zu erleben. Jesus wird Pontius Pilatus vorgeführt, ausgepeitscht, misshandelt und verurteilt. Durch das Dorf wird dann das große Holzkreuz getragen – weiterhin unter ständigen Schubsereien und Peitschenschlägen der römischen Soldaten. Jesus fällt mehrmals nieder, bekommt Hilfe vom heiligen Simon ….
Alle Stationen werden nachgespielt, während Erzähler gekürzte Bibelstellen vorlesen und diese auf die heutige Zeit übertragen und somit kleine Predigten halten.
Am Ende wird Jesus gekreuzigt (aber natürlich nicht wirklich) – und damit endet das Schauspiel der Osterwoche.
Auch wenn ich jetzt alles sehr knapp zusammengefasst habe, dauert das alles seine Zeit und ist einfach spannend und interessant anzusehen. Es wirkt auch alles sehr real, schließlich bekommt Jesus wirklich eine recht unbequeme Dornenkrone aufgesetzt, wird ausgepeitscht und durch die Gegend gestoßen (wenn auch sein Rücken für die Schläge gepolstert ist). Es wird geschrieen und geweint. Man fühlt sich mittendrin in der Passionsgeschichte.
Ostersamstag/-Sonntag:
Am Ostersamstag werden Messen und Wortgottesdienste in fast allen Dörfern gehalten, sodass die Pfarrer und Schwester rund um die Uhr unterwegs sind.
Um Mitternacht ist dann die Messe in Cardonal. Noch immer ist alles mit lila Tüchern bedeckt und die Kirche komplett verdunkelt. Sobald dann aber das „Gloria“ ertönt, fallen die großen Vorhänge, das Licht wird angeschaltet und es wird aus Leibeskräften zur Eure Gottes gesungen. Das hat mich schwer beeindruckt, wie dieser Wechsel so unerwartet und plötzlich auf einmal kam und wie sehr das die Freude und den Glauben der Menschen hier ausdrückt, an den ich noch nicht ansatzweise herankomme.
Alles in allem kann ich also resümieren, dass es die intensivste, interessanteste und unvergesslichste Osterwoche war, die ich je erlebt habe. Auch wenn es am Anfang alles ganz fremd wirkte und ich mich etwas verschlossen hatte, wie ich dann gemerkt habe, habe ich doch viel von den Botschaften unseres heiligsten Festes aufgenommen und hoffe, dass ich es nicht nur in mir habe, sondern es von nun an auch nach außen tragen und mit meinen Mitmenschen teilen kann, denn dieses Ostern habe ich erlebt, aber jetzt wird es von mir gelebt.
Mathias T.
Posted: May 12th, 2009 under Nachrichten, cardonal.
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